05 April 2006

Poppea

Nach fast dreissig Jahren L'incoronazione di Poppea von Claudio Monteverdi wiedergehört, auf DVD in der Fassung René Jacobs, Schwetzinger Festspiele 1993 (zwischenzeitlich ein- oder zweimal die Platten- und CD-Aufnahmen von Nikolaus Harnoncourt und Jean-Claude Malgoire). Fast jede DVD-Produktion im Opernbereich, für den im speziellen ich keine Sympathien hege, wirft mich um: Bild- und Tonqualität lassen mit Kopfhörern nichts zu wünschen übrig, und dank den Untertiteln kann dem Geschehen auch ohne Vorbereitung konzentriert gefolgt werden. So entsteht ein produktiver Zusammenhang, der die einzelnen Momente entschieden deutlicher zutagetreten lässt als die kräftezehrende Libretto- und Notenlektüre (eine komplette Partitur gibt es nicht) einstens zusammen mit Schallplatten, Kassetten oder - schon besser, aber doch erst spät nach dem Studium - CDs. Da am Computer einen kein kindisches Publikum auf die Nerven geht, ist das gesellschaftlich Defizitäre der Oper ausgeblendet: man konfrontiert sich selbst zu einem frei gewählten Zeitpunkt mit einem Werk tel quel, sei es nun schon alt, in alter und etwas eingeschränkter Sprache abgefasst oder auch auf der Oberfläche neu (in der Auseinandersetzung mit demselben lässt jedes Kunstwerk Neues in ihm enthüllen). Die Poppea hat wieder gewirkt wie neu. Anders als beim ersten Mal scheint es mir heute klar, dass dieses grosse Werk mehrere Lesarten zulässt und dass es unsinnig wäre, eine einzige, vermeintlich wahre und dem Werk im Innersten adäquate breitzutreten; das geschähe nur über die Widersprüche hinweg, die im Überblick zu erfassen früher eben sehr schwierig war, auch in einer Live-Aufführung (Zürich unter Harnoncourt). Monteverdis Poppea verträgt es gut, dazustehen sowohl als machtkritisches Gebilde der gelehrten Kunst wie als Unterhaltungsposse, als abendfüllende Gesangsrevue wie als avancierte Darstellung menschlicher Gefühle durch die sozialen Rollen als vorweggenommene Opernfiguren hindurch, jenseits aller starren Affektenlehren. Nach Monteverdi ging die Musik einen grossen Schritt zurück und begnügte sich in der Oper mit der Darstellung der Figuren allein. Nein, bei Mozart gibt es keine Drusilla mehr - aber ihre Darstellung als die des gewöhnlichen Menschen bei Monteverdi als Sensation zu stilisieren, ist umgekehrt deswegen falsch, weil sie in einem Konzept durchgeführt wird, zu dem mehrere andere Figuren gehören, von denen sie sich nicht wesentlich absetzt.
Schade, dass man im hohen Alter Stück für Stück die hochfahrenden Hypothesen ziehen lässt und sich mehr und mehr dem Mainstream zu übergeben beginnt. Die Idee wird allmählich blass, dass es in der Geschichte immer wieder Momente gegeben hat, die eine ganz andere Progression erahnen liessen als die tatsächlich erfolgten. Immer mehr erscheint alles wie füglich auseinander entfaltet. Vom Extravaganten Monteverdis bleibt dann nur noch die gewöhnliche Einzigartigkeit des Vorgängers von Bach, Händel und Mozart, als ob etwas anderes gar nicht sich hätte entwickeln können, mehr Humanistisches, weniger Formales.