11 April 2006

America drinks and goes home

John Adams Opern-DVD The Death of Klinghoffer ist nur deswegen eine Spur besser als die gestern erwähnte el niño, weil sich die Kritik geringfügig spezifizieren lässt, allerdings nicht durch Adams' Verdienste, sondern durch die Quasiverdoppelung der Oper zu einem Film, der die Musik ohne Frage auf den zweiten Platz verweist. Im Jahr 1985 entführten palästinensische Terroristen das Kreuzfahrtschiff Achille Lauro, um Dutzende palästinensische Häftlinge in israelischen Gefängnissen freizupressen. Sie schätzen aber ihre syrischen Freunde falsch ein - ihre Drohungen werden im ganzen Mittelmeerraum mit Stillschweigen quittiert. Deshalb sahen sie sich genötigt, mit der Ermordung der Passagiere zu beginnen. Der erste ist ein Amerikaner mit dem Namen Leon Klinghoffer, ein Behinderter in einem Rollstuhl, der wegen dieses Stuhls auf einem Deck gesondert von den anderen, zusammengetriebenen Passagieren abgestellt war. Auf diese Weise fiel es den Terroristen leichter, das verbrecherische Gewissen zu durchbrechen und ihre Drohung zum angekündigten Zeitpunkt wahrzumachen. Weitere Opfer gab es keine, da nun Gespräche mit den ägyptischen Behörden geführt werden konnten, die schliesslich den freien Abzug der Terroristen ermöglichten. Dieses Geschehen ist auf dem Schiff selbst unter der Engländerin Penny Woolcock naturalistisch gefilmt worden, ergänzt mit Szenen der Vertreibung der Palästinenser durch die Israelis in den vierziger Jahren gleichwie mit Archivmaterialien der Judenvernichtung durch die Nazis. Während des ganzen Werks sieht man sich ungebrochen Gewaltakten gegenüber, solchen an Juden, solchen an Palästinenser, solchen an den Passagieren, schliesslich der Erschiessung Klinghoffers. Nur in einer Winzigkeit formt der Film, in der Präsenz eines jungen israelischen Paares bei der Vertreibung von Palästinensern und demselben altgewordenen, nicht agierenden, also nicht vom Komponisten in der Oper eingeplanten auf dem Schiff. In ihnen reflektiert sich das Geschehen, wie minimal auch immer, und nimmt dem Antisemitismusvorwurf die Spitze. Die Musik unternimmt aber nichts dafür. Es scheint mir verfehlt, von ihr zu sagen, sie begleite das Vorgeführte sachlich aus Distanz. Mich dünkt im Gegenteil, dass sie die Gefühle, die von der primär visuellen und der reflektierten Wahrnehmung ausgelöst werden, unvermittelt, direkt und linear unterstützt, also permanent noch eins draufsetzt, um das distanzierte Nachdenken auf keinen Fall Gestalt annehmen zu lassen. Es ist immer dasselbe bei John Adams: man sitzt wie auf einem Kleinkindertopf da, lässt den Kiefer fallen und wimmert, was Schreckliches irgendwem hier schon wieder alles geschieht.
Was solche Krisen- und Konfliktsituationen benötigen, sind nicht gefühlige Appelle an Pseudoursachen der Katastrophe, sondern Gespräche, deren tragende Struktur nicht unter ein gewisses Abstraktionsniveau fallen darf. Das ist das Vergehen von John Adams, dass er mit seiner dümmlichen Musik ständig diese Abstraktion zersetzt und konkretistische, also pseudokonkrete, kindliche Gefühle freisetzt. Statt das Denken anzuregen, müllt er es mit Kübeln voll schlechten Gefühlen zu, die einzig noch die verbliebenen Kräfte zu dem Ansinnen drängen, so schnell wie möglich wieder von da wegzukommen. Sind die Gefühle mit dem Blick durchs Fenster auf die dick verschneite Aprilschneelandschaft abgeklungen, bleibt vom ganzen aufdringlichen Werk nur eines übrig: hohles Nichts.