17 April 2006

Völkerverständigung


Drei- oder viermal in zwei Tagen hier zu Besuch, und hier heisst hier, mitten auf dem Computer:

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Willkommen, und Danke fürs Interesse! Natürlich will ich alles tun, damit Sie zu den Informationen, Einschätzungen und vielseitig durchdiskutierten Meinungen kommen, die mir bekannt sind und die Sie offenbar benötigen. Aber muss es wirklich in diesem ungeheuren, unüberblickbaren Kleinkabelsalat meines persönlichen Computers geschehen? Schauen Sie, der Platz ist im Ernst zu winzig, als dass sich darauf die Gelbe Weise Macht gebührlich entfalten könnte. Wäre es sehr schlimm, die Sache da auszumachen, wo die Plätze unbegrenzt erscheinen und die Diskussionen längstens schon unbehindert und ungestört vor sich gehen? Bäh! Nicht schon wieder: Apage, male spiritus, hoius, hoius, phlegetontia Styx... Und wenn das sieben Jahre lang gequälte Latein nichts nützt, als Lingua Franka, geniessen wir die Unterstützung des weitgereisten Franka Zappas, auch nicht in stubenreinem Chinesisch, der Pekinger Ente sprachlich aber sicher näher als meine deutschen Texte auf dem Compi:

15 April 2006

Beckett

Es ist das gleiche Wetter wie immer, mit dem kleinen Unterschied, dass man sich allmählich daran gewöhnt.

Holy Ghost

This is a toast
To my golly host
As most may know
Tower host hosts like Holy Ghost
Almost done to build the Disco
He smashes it down
By his crown
The goofy clown
This host boasts
Without no word crossing no lip
He doubles it for your luck
What you paid a year in back
Breach of contract more or less
This holy ghost provides just another rotten mess
How'll behave the following fellow
Upload again of some 600MB pages - oh
This is a toast
Howl howl
Howls the brave little cat
Mau Tse Dong

14 April 2006

Prostbild



11 April 2006

America drinks and goes home

John Adams Opern-DVD The Death of Klinghoffer ist nur deswegen eine Spur besser als die gestern erwähnte el niño, weil sich die Kritik geringfügig spezifizieren lässt, allerdings nicht durch Adams' Verdienste, sondern durch die Quasiverdoppelung der Oper zu einem Film, der die Musik ohne Frage auf den zweiten Platz verweist. Im Jahr 1985 entführten palästinensische Terroristen das Kreuzfahrtschiff Achille Lauro, um Dutzende palästinensische Häftlinge in israelischen Gefängnissen freizupressen. Sie schätzen aber ihre syrischen Freunde falsch ein - ihre Drohungen werden im ganzen Mittelmeerraum mit Stillschweigen quittiert. Deshalb sahen sie sich genötigt, mit der Ermordung der Passagiere zu beginnen. Der erste ist ein Amerikaner mit dem Namen Leon Klinghoffer, ein Behinderter in einem Rollstuhl, der wegen dieses Stuhls auf einem Deck gesondert von den anderen, zusammengetriebenen Passagieren abgestellt war. Auf diese Weise fiel es den Terroristen leichter, das verbrecherische Gewissen zu durchbrechen und ihre Drohung zum angekündigten Zeitpunkt wahrzumachen. Weitere Opfer gab es keine, da nun Gespräche mit den ägyptischen Behörden geführt werden konnten, die schliesslich den freien Abzug der Terroristen ermöglichten. Dieses Geschehen ist auf dem Schiff selbst unter der Engländerin Penny Woolcock naturalistisch gefilmt worden, ergänzt mit Szenen der Vertreibung der Palästinenser durch die Israelis in den vierziger Jahren gleichwie mit Archivmaterialien der Judenvernichtung durch die Nazis. Während des ganzen Werks sieht man sich ungebrochen Gewaltakten gegenüber, solchen an Juden, solchen an Palästinenser, solchen an den Passagieren, schliesslich der Erschiessung Klinghoffers. Nur in einer Winzigkeit formt der Film, in der Präsenz eines jungen israelischen Paares bei der Vertreibung von Palästinensern und demselben altgewordenen, nicht agierenden, also nicht vom Komponisten in der Oper eingeplanten auf dem Schiff. In ihnen reflektiert sich das Geschehen, wie minimal auch immer, und nimmt dem Antisemitismusvorwurf die Spitze. Die Musik unternimmt aber nichts dafür. Es scheint mir verfehlt, von ihr zu sagen, sie begleite das Vorgeführte sachlich aus Distanz. Mich dünkt im Gegenteil, dass sie die Gefühle, die von der primär visuellen und der reflektierten Wahrnehmung ausgelöst werden, unvermittelt, direkt und linear unterstützt, also permanent noch eins draufsetzt, um das distanzierte Nachdenken auf keinen Fall Gestalt annehmen zu lassen. Es ist immer dasselbe bei John Adams: man sitzt wie auf einem Kleinkindertopf da, lässt den Kiefer fallen und wimmert, was Schreckliches irgendwem hier schon wieder alles geschieht.
Was solche Krisen- und Konfliktsituationen benötigen, sind nicht gefühlige Appelle an Pseudoursachen der Katastrophe, sondern Gespräche, deren tragende Struktur nicht unter ein gewisses Abstraktionsniveau fallen darf. Das ist das Vergehen von John Adams, dass er mit seiner dümmlichen Musik ständig diese Abstraktion zersetzt und konkretistische, also pseudokonkrete, kindliche Gefühle freisetzt. Statt das Denken anzuregen, müllt er es mit Kübeln voll schlechten Gefühlen zu, die einzig noch die verbliebenen Kräfte zu dem Ansinnen drängen, so schnell wie möglich wieder von da wegzukommen. Sind die Gefühle mit dem Blick durchs Fenster auf die dick verschneite Aprilschneelandschaft abgeklungen, bleibt vom ganzen aufdringlichen Werk nur eines übrig: hohles Nichts.

10 April 2006

America is wonderful: wonderful, wonderful, wonderful



Wenn alle Rationalität aus der Kunst ausgetrieben scheint, bleibt immer noch das eine Moment, das von ihrer gesellschaftlichen Herkunft zeugt. Sie mag sich in ihrer Radikalität allem möglichen verweigern - über ihre Herkunft plaudert sie zügellos. Um durchhalten zu können, ignoriert man mit vollen Kräften, was in John Adams Oper el niño unter Kent Nagano und in der Inszenierung von Peter Sellars geschieht, wie sie in der grossen Form aufgebaut ist und wie die Musik im Zusammenhang mit dem Text funktioniert. Der böse Kitsch einer unvermittelten, blanken und katechetischen Bibelgeschichte heute und der Infantilismus auf allen Ebenen des Werks erschrecken in ihrer Obszönität. Bin ich 5 und in der Sonntagsschule oder wünschen da in der Tat anerkannte KünstlerInnen, dass ich mich mit einem ihrer Gebilde auseinandersetze? Eine Kritik der Irrationalität dieses Werks würde die Sache verfehlen, weil rationale Spuren, die eine Rettung erlaubten, nicht auszumachen sind. Und doch ist das kein Produkt eines vereinzelten Irren, der sich zu weit vorgewagt hätte, der seine Sache blind und ohne äusseren Schutz durchgezogen hätte; zu viele renommierte KünstlerInnen sind beteiligt. Also quält einen nur der eine Gedanke als Abwehr des Ganzen: wie erbärmlich und ohne allen Trost muss es um eine Gesellschaft stehen, deren Kunstgebilde so ungeschützt dem Infantilismus huldigen und doch nur Opfer sind einer lange schon währenden Regression?

09 April 2006

Wagner Mahler

Wagner hören heute läuft in den spannendsten Momenten darauf hinaus, in ihm die Späteren zu entdecken, insbesondere Schönberg. Einer aber bleibt in diesem Riesenwerk stumm, Gustav Mahler. Vielleicht müsste man diesen so durchforsten, dass er dasteht als schärfster Kritiker Wagners, als Schutzwald über ihm am nächstem bei ihm stehend. - Adorno hat nicht viele Vergleiche zwischen beiden angestellt. Nur zwei Stellen fügen sie nah zusammen: "Ähnlich wie Wagner träumt [Mahlers] Werk von scheinlosem, ernüchtertem, nicht verklärendem Komponieren." (AGS 13, S. 233) Die zweite Stelle verlässt schon Wagners Opern und Mahlers Symphonien: " Die Form dürfte der Begriff symphonischer Dialog treffen. So sprach Wagner von den Orchesterwerken, die er nach der Vollendung des Parsifal allein noch zu schreiben vorhatte; nicht unwahrscheinlich, dass der sehr belesene Mahler davon wusste und in dem Wagnerischen Projekt ein der eigenen Musik Verwandtes erkannte, nachdem diese einmal vom Formenkanon sich losgesagt hatte: Alfredo Casella hatte gegen Guido Adler recht, als er mit dem Lied von der Erde eine neue Phase Mahlers datierte." (AGS 13, S. 298-299)

Helmut Lachenmann, Furcht und Verlangen

Die DVD Helmut Lachenmann, Furcht und Verlangen enthält die vier Kompositionen Zwei Gefühle, Consolation I, Consolation II und Mouvement jeweils entweder mit Kommentar vom Komponisten und vom Dirigenten Walter Nussbaum oder in den gut gefilmten Liveaufnahmen. Der Gewinn der Videos liegt im leichteren Erkennen des formalen Aufbaus dieser Stücke, nicht nur weil die Klangmomente auf der Oberfläche leichter zu identifizieren und als solche musikalisch wahrzunehmen sind, also im Gedächtnis haften bleiben statt zu verschwimmen, sondern auch, weil durch die beobachtbare Gegenwart des Dirigenten die metrische Struktur eindeutig dasteht. Es hilft nicht wenig, wenn man sieht, dass in einem Moment, wo eher wenig zu hören ist, dem Sinn nach viel Tempo zugrunde liegt, das erst mit der Zeit auch auf der Oberfläche in Erscheinung tritt. Man sieht auf diese Weise mit Leichtigkeit, dass der Begriff des Geräusches dieser Musik in keiner Weise entsprechen kann. Ist erst einmal das Ungewisse in der grossen Form beiseite geräumt, können auch solche Ohren dieser Musik spielend folgen, die sonst meinen, nur längstens in der Geschichte Sedimentiertes konsumieren zu können.
Leider hat man die Herstellung der DVD einem Lehrling überlassen und sie ohne Kontrolle ins Presswerk gegeben. Bei jedem Start im Laufwerk wird der Browser mit einer Werbeseite gestartet - ein Vorgang, den man als solchen erst einmal durchschauen muss. Denn weiter geht es von hier nicht mehr: Sackgasse, und alles bleibt stumm. Der Dumme muss den Browser nun selbst beenden. Daraufhin muss er auf dem Computer dasjenige Programm ausfindig machen, das bis jetzt bei allen anderen DVDs gestartet wurde und den Inhalt präsentierte. Selbstredend kennt er den Namen nicht, aber er nimmt sich Zeit, testet alles gründlich, und findet ihn. Bei der Lachenmann-DVD geschieht dies nicht nur beim ersten, sondern jedes Mal. Selbstverständlich wird auf diese Weise die DVD vom Abspielprogramm nicht als eine erkannt, die schon einmal zum Teil gespielt worden war. Folglich lässt sie sich nicht partienweise anschauen, wie es sonst üblich ist - jedesmal muss der ganze teuflische Werbekabis gefressen werden. Aber nicht nur das. Was immer man als Dummkopf abspielen will, ein Interview oder ein Stück: jedesmal werden einem die Ohren kurz zuvor mit einem ausgedehnten Faschingstusch zugedonnert. Madonna! Wergo hat bei Lachenmann nichts gelernt.

08 April 2006

Sound Check


Gestern Abend während des Soundchecks von Remember Shakti, The Way of Beauty, plötzlich aufgefallen, was der Fehler einstens war: fahrlässiges Unterlassen eines Soundchecks, mit Materialien nota bene, die alle nur geliehen waren. Das KSR-Stadium Reussbühl war zu Beginn des Wiesenkraut-Konzerts übervoll, möglicherweise ich nicht viel weniger, eine dumpfe dunkle Masse, brodelnd plappernd, aber schon bald nicht mehr wahrzunehmen, weil eben bald schon ein Flötensolo zu spielen war. Es gab nur Solos zu spielen, gegen die Übermacht der Konservativen in der Band, und andere gab es keine. Einer tippte aufs Schlagzeug so keck wie Zappa vor den Mothers, tipp tipp tippperlitipp, ohne Bezug zur Musik wie in seiner Bundeshauskarriere dann ohne Bezug zu den einstigen Musikern, einem mussten Kinderliedernoten vorgelegt werden, wenn so etwas wie ein Entengewatschel in der Bassline Bestand haben sollte, das Saxophon dudelte für sich als gings um einen Barabend mit Roxy Music, und Mayr war so tolerant, dass man befürchten musste, plötzlich in einem Duett auf der Eisfläche echter Musik zu landen. Ein Solo damals musste eines sein zur Hauptsache: lang. Also spielte ich drauflos so blind und laut wie möglich. Inhaltlich galt nur eine Regel (für mich, klar, allein, nicht für die Tanzmusiker): kein Mass in der Komplexität, so dass es nur gut sein konnte, wenn man nicht zu sagen wusste, was denn gespielt worden war. Schlecht Erzogene nennen das wirres Zeug, mir wars das Höchste. Nur wenig Ahnung, wie lange es dauerte, aber einmal wurde ich dann erschöpft, musste Luft holen und, verflucht, öffnete die Augen: die Riesenhalle dunkel war menschenleer... Eben, sie hatten nichts gehört, weil das PA von Pneu nicht mitspielte. Ein zweistündiger durchorganisierter Soundcheck am Nachmittag davor - wir hätten im Applaus gebadet. Noch Jahre danach suchte ich die Leute in den Alpträumen: nein, niemand hat etwas Gutes gehört. Der spätere Direktor der Schweinesound Studios hat zwar beruhigende Worte gemurmelt, an einen Live-Mitschnitt hat aber auch er nicht denken wollen.

Nei müsste in diesen Minuten in Kermanshah gelandet sein. Ob sie die Razi University kurz besuchen geht? So wie unten tät es dann ausschauen, etwas gewöhnungsbedürftig, aber nicht schlecht im voraus schon. Dass man die Lehrer-Lehren privatim wiederholen müsste wie die aus dem Kirchenfeld über Jahre hinweg (auch die High-School hier ist noch nicht ganz in der Moderne angekommen, wenigstens dem Namen nach), - ah! dieses Elend mit der Physik, für mich! - scheint nicht der Fall zu sein, schauen die Schülerinnen doch ganz interessiert in die Welt, und das Rotkäppchen erinnert nicht wenig an sie.

(c) razi uni (nicht raz uli)

06 April 2006

Xala


New Ballet for Xala ist eine DVD mit Ania Losinger tanzend auf einem Bodenxylophon von Hamper von Niederhäusern, in Begleitung mit dem Tonus String Quartet. Ihr Konsum ist in Zeiten knapp vor der geistigen Erschöpfung eine Labsal. Nichts wäre bemerkenswert und also wachrüttelnd neben der erotischen Attraktivität der Tänzerin, die allein eine Stunde lang zu sehen ist, wie sie behend und virtuos mit Stöckelschuhen und zwei Langstöcken in den Händen die Hölzer des floss- und botstegartigen Quadrats traktiert. Der Anfang trügt, da man meint, es mit einer Hexerin zu tun zu bekommen, doch mehr und mehr erscheint sie als sexy Tempeltänzerin, die den Voyerismus im Publikum nicht verschmäht. Die komponierte Musik von Don Li Dumm - ah! wie gut das tönt und wie gut das harmoniert mit dem irrationalen Berner Künstler-Dünkel - ist dem Geschehen gänzlich angemessen: Stehen am Ort. Ihre Grösse fatamorganisiert sie im Ausmass ihrer Unterkomplexität, die jedes Werk der Minimal Music als fetzig erscheinen lässt. Sie richtet sich nicht nach der Tänzerin, deren Aktivität viel vergangene Anstrengung verrät und viel ernsthafte Bewunderung auslöst, sondern nach den Hölzern, die sie betanzt: sie ist hölzern. Keine Ahnung, wie man sich für ein solch regressives Abgleiten in die Kindermagie erwärmen kann. Die Zeiten haben sich geändert Bubis! Auch in der Kunst sollte man nicht zu weit hinter Einsichten zurückweichen, die ausserhalb zäh ihren Platz zu finden beginnen. Dazu gehört, dass die Abgründe des Irrationalen früher oder später zu Gewalt führen, nicht zu Bewunderung und Anerkennung.

05 April 2006

Poppea

Nach fast dreissig Jahren L'incoronazione di Poppea von Claudio Monteverdi wiedergehört, auf DVD in der Fassung René Jacobs, Schwetzinger Festspiele 1993 (zwischenzeitlich ein- oder zweimal die Platten- und CD-Aufnahmen von Nikolaus Harnoncourt und Jean-Claude Malgoire). Fast jede DVD-Produktion im Opernbereich, für den im speziellen ich keine Sympathien hege, wirft mich um: Bild- und Tonqualität lassen mit Kopfhörern nichts zu wünschen übrig, und dank den Untertiteln kann dem Geschehen auch ohne Vorbereitung konzentriert gefolgt werden. So entsteht ein produktiver Zusammenhang, der die einzelnen Momente entschieden deutlicher zutagetreten lässt als die kräftezehrende Libretto- und Notenlektüre (eine komplette Partitur gibt es nicht) einstens zusammen mit Schallplatten, Kassetten oder - schon besser, aber doch erst spät nach dem Studium - CDs. Da am Computer einen kein kindisches Publikum auf die Nerven geht, ist das gesellschaftlich Defizitäre der Oper ausgeblendet: man konfrontiert sich selbst zu einem frei gewählten Zeitpunkt mit einem Werk tel quel, sei es nun schon alt, in alter und etwas eingeschränkter Sprache abgefasst oder auch auf der Oberfläche neu (in der Auseinandersetzung mit demselben lässt jedes Kunstwerk Neues in ihm enthüllen). Die Poppea hat wieder gewirkt wie neu. Anders als beim ersten Mal scheint es mir heute klar, dass dieses grosse Werk mehrere Lesarten zulässt und dass es unsinnig wäre, eine einzige, vermeintlich wahre und dem Werk im Innersten adäquate breitzutreten; das geschähe nur über die Widersprüche hinweg, die im Überblick zu erfassen früher eben sehr schwierig war, auch in einer Live-Aufführung (Zürich unter Harnoncourt). Monteverdis Poppea verträgt es gut, dazustehen sowohl als machtkritisches Gebilde der gelehrten Kunst wie als Unterhaltungsposse, als abendfüllende Gesangsrevue wie als avancierte Darstellung menschlicher Gefühle durch die sozialen Rollen als vorweggenommene Opernfiguren hindurch, jenseits aller starren Affektenlehren. Nach Monteverdi ging die Musik einen grossen Schritt zurück und begnügte sich in der Oper mit der Darstellung der Figuren allein. Nein, bei Mozart gibt es keine Drusilla mehr - aber ihre Darstellung als die des gewöhnlichen Menschen bei Monteverdi als Sensation zu stilisieren, ist umgekehrt deswegen falsch, weil sie in einem Konzept durchgeführt wird, zu dem mehrere andere Figuren gehören, von denen sie sich nicht wesentlich absetzt.
Schade, dass man im hohen Alter Stück für Stück die hochfahrenden Hypothesen ziehen lässt und sich mehr und mehr dem Mainstream zu übergeben beginnt. Die Idee wird allmählich blass, dass es in der Geschichte immer wieder Momente gegeben hat, die eine ganz andere Progression erahnen liessen als die tatsächlich erfolgten. Immer mehr erscheint alles wie füglich auseinander entfaltet. Vom Extravaganten Monteverdis bleibt dann nur noch die gewöhnliche Einzigartigkeit des Vorgängers von Bach, Händel und Mozart, als ob etwas anderes gar nicht sich hätte entwickeln können, mehr Humanistisches, weniger Formales.

03 April 2006

Der Präsident

Wie das innerschweizer Revolverblatt Zisch gerade meldet, hat die Gemeinde Emmen einen neuen Präsidenten: Thomas Willi. Viel Glück!